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Allein

Titel: Allein
Autor: callisto24
Fandom: 24
Charaktere: Tony, Michelle, Jack, Chloe, Curtis, Audrey
Kategorie: drama, angst
Disclaimer: gehört alles 24, kein Geld...
Rating: R
Warnungen: Drogen
Word Count: 1154
Inhalt: ein Weihnachtsabend nach Season 4, keine Spoiler für Season 5

“Wirst du ihn heute anrufen?”
“Ich glaube nicht! An den Feiertagen ist das Risiko einfach zu groß.”
Michelle nickte verständnisvoll und stellte geschickt die benutzten Teller auf ein Tablett, während Tony gedankenverloren begann ein behagliches Feuer im steinernen Kamin zu entfachen.
“Schade, dass die drei schon gehen mussten,” bemerkte er abwesend und beobachtete seine zartgliedrige Frau, die mit anmutigen Bewegungen das Tee Service hervorholte.
“Ich bin froh, dass wir das alles hinter uns haben. Die heilige Nacht in der CTU zu verbringen ist nicht länger meine Vorstellung vom Leben. Chloe und Curtis sind zu bewundern für ihr Durchhaltevermögen und Audrey... .” Sie stockte für einen Moment. “Audrey wird froh sein für jede Ablenkung, vor allem an den Feiertagen.”
Sie seufzte. “Ich mach uns noch einen Tee, ist das in Ordnung?”
Tony nickte dankbar.
In stillem Einverständnis hatte Michelle sich seinem Verzicht auf Alkohol angeschlossen, unbewusst gespürt, wie schwer es ihm auch nach Monaten noch fiel der Versuchung zu widerstehen.
Erschöpft sank er auf der weichen Couch nieder und starrte in die flackernden Kerzen, ließ sich von ihren unruhigen Bewegungen hypnotisieren und versuchte sich vorzustellen, wie Jack diesen Abend verbringen mochte, ob allein, anonym in einer abgelegen Bar oder einsam im Zimmer einer schäbigen Herberge, ähnlich der, in der er ihn vor ein paar Wochen aufgespürt hatte, versteckt, gejagt, auf der Flucht wie ein wildes Tier.
Er konnte ihn vor sich sehen, den Kopf in den Armen vergraben, die Flasche Whiskey auf dem niedrigen Tisch vor sich als einen letzten Trost, ein Laster, das sie seit Ninas Verrat und Teris Tod wiederholt vereint hatte, bis Jack dann etwas anderes für sich entdeckt hatte.
Tony massierte unbewusst den schmerzenden Muskel in seinem Nacken. Sein Blick fiel auf die elegante kleine Tanne, die Michelle und er liebevoll miteinander geschmückt hatten und in deren Zweigen silberglänzende Kugeln wie verzaubert funkelten. Die sanften Lichter strahlten mit ihren Spiegelbildern in den glitzernden Metallengeln um die Wette, blitzten manchmal neckisch hinter einer Wehe feinen Kunstschnees hervor, während andere sich selbstbewusst in den Vordergrund drängten, stolz ihren goldenen Schein in dem nach Tannengrün und weihnachtlichen Gewürzen und einem bereits verzehrten Festmahl duftenden Raum verbreitend.
Das Feuer knisterte leise und Tony wusste, dass er hätte glücklich sein müssen. Und dennoch blieb dieses bohrende, nagende Gefühl in seinem Herzen bestehen, ein beißender Schmerz, der an seinen Eingeweiden schabte, ein Schmerz, der nicht vergehen wollte unabhängig davon wie lange der Tag, an dem Jack gestorben war, bereits zurücklag, die wahrscheinlich einzige und letzte Chance für den Freund die Last der Vergangenheit abzuschütteln, eine neue Existenz zu beginnen.
Und doch fühlte Tony instinktiv, dass Jack noch nicht soweit war, es vielleicht niemals sein würde. Zu tief in ihm vergraben war die Trauer, zu grausam die Verluste, die er hatte ertragen müssen. Tony seufzte und fuhr sich durch die schwarzen Locken. Er kannte ihn mittlerweile besser als sich selbst, hatte es an seiner Stimme hören können, blechern und verzerrt durch die Fernleitung und doch unverwechselbar in ihrem tiefen Klang, an der Stimme, die es noch nie vermocht hatte seine Gefühle zu verbergen, zumindest nicht vor ihm.
Tony zog die Knie an, umschlang sie mit seinen Armen und stützte das Kinn darauf.
Jack würde alleine sein in dieser Nacht, er konnte ihn vor sich sehen, konnte die Arme nach der schmalen Gestalt ausstrecken, die aus schimmernden Augen, weit aufgerissen in ihrer Hoffnungslosigkeit, auf den kupfernen Inhalt der Flasche starrte, der ihr nicht das geben konnte, was sie brauchte, wie sie sich verzweifelt danach sehnte ein stärkeres Gift in den Händen zu halten, das es ihr erlauben würde dem Schmerz zu entfliehen, wie sie sich wünschte die glänzende Nadel in ihren Arm zu senken in der stillen Hoffnung die unerträgliche Sehnsucht endgültig zu vergessen. Die Sehnsucht nach dem Leben, das Jack gehasst hatte, und von dem er dennoch nie losgekommen war.
Wie sollte es ihm auch möglich sein die Schuld, die Angst, den Schrecken hinter sich zu lassen, dem Frieden der Jahreszeit Zutritt in sein Herz zu gewähren, wenn er von allem ausgeschlossen war, das ihm jemals etwas bedeutet hatte, wenn er diesen Tag ohne den Trost und die Unterstützung verbringen musste, die jeder Mensch verdiente, ohne Hinblick auf die Sünden, die er auf sein Gewissen geladen hatte.
Tony starrte in die Flammen und spürte wie die Kälte in ihm empor kroch, trotz der anheimelnden Wärme, die ihn umgab, trotz des mit Liebe erfüllten, zärtlich dekorierten Heimes, trotz des vertrauten Klirrens, das aus der Küche drang, in der Michelle emsig mit dem Geschirr hantierte.
Die Kälte, von der er wusste, dass auch Jack sie in diesem Augenblick empfand, die sie heimlich teilten, unabhängig davon wie viele Meilen zwischen ihnen lagen.
Er atmete den frischen Duft von Vanille und Nelken, als seine Frau mit der dampfenden Kanne auf ihn zu kam.
Nein, er würde nicht warten, würde nicht seiner Angst die Herrschaft über seine Gefühle einräumen. Manche Risiken durften nicht vermieden, waren es wert eingegangen zu werden. An diesem einen Tag im Jahr verdiente es niemand verloren zu sein, nicht wenn eine einzige Seele auf der Welt existierte, die an diesen Menschen dachte, sich um ihn sorgte.
Ein auf geheimnisvolle Weise seliges Lächeln zuckte nicht nur um seinen Mund, sondern strahlte bis in die dunklen Augen, erfüllte sie mit neuem Licht, als er Michelle dankbar einen Kuss auf die Wange hauchte, die sein Strahlen erwiderte, seine Hände in stummer Versicherung drückte, als wollte sie ihm zeigen, dass seine Entscheidung auch die ihre war.

* * * * * *

Jack drehte das abgegriffene Photo in seinen Händen, strich es wiederholt glatt, betrachtete die verblichenen Züge seiner Tochter, die ihm entgegen lachten. Er wünschte zu wissen, was sie tat, sehnte sich danach zu erfahren wie sie diese Zeit verbrachte. Ob sie noch an ihn dachte, ihn hasste, ob sie ihn vermisste oder ob sie froh war diesen Teil ihres Lebens hinter sich lassen zu dürfen. Er spürte das vertraute Brennen hinter seinen Augen, wehrte sich verzweifelt dagegen die Trauer zuzulassen, und wusste doch, dass er den Kampf bereits verloren hatte.
Nur noch wenige Tage, dann würde auch dieses Jahr Vergangenheit sein. Nur für ihn würde sich nichts verändert haben, er würde immer noch derselbe sein, unfähig sich zu lösen, unfähig sein Schicksal zu lenken.
Er starrte aus dem Fenster, betrachtete die spärliche Weihnachtsbeleuchtung auf der anderen Straßenseite und fühlte die Wut in sich aufsteigen, die Wut auf sich, die Wut auf sein Leben, die Wut auf das, was es aus ihm gemacht hatte. Sein Blick fiel von der Flasche auf dem Tisch, von dem halbvollen Glas daneben nach draußen, auf den hageren Dealer an der Ecke, und sein Magen krampfte sich zusammen, als sein Körper unerbittlich nach Erlösung schrie.

Das Handy schrillte und Jack fuhr zusammen, obwohl er wusste, dass die Leitung sicher war.
Ohne, dass er einen Namen zu hören brauchte, spürte er mit einem Mal, dass er nicht mehr allein war, und trotz all seiner Trauer hielt doch endlich auch die Hoffnung Einzug in seinem Herzen.
Tags: autor: callisto24 1-100, fandom: 24 1-100, fanfic, gen
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