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FIC: Verloren, I, Crossover, slash, 24 nach S6

Titel: Verloren, Kapitel I
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Charaktere: Jack Bauer, Hank Storm
Genre: Drama, Crossover, harmloser m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover
Warnungen: Leichte Spoilerwarnung, Depressionen, Drogen, Alkohol
Anmerkungen: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.
Archivieren: Immer gerne!
Ich war so frei den Lou Diamond Phillips Charakter aus ‘Renegades’ in das 24 Universum aufzunehmen. Der Lakota trifft in diesem Film auf den Kiefer Sutherland Charakter ‘Buster Mc Henry’, sie raufen sich zusammen um die heilige Lanze der Lakota wieder an ihren Bestimmungsort zurückzuführen.
Kapitel II: hier

* * * * *
South Dakota
* * * * *
Die Bar war mäßig gut besucht, nicht ungewöhnlich an einem normalen Wochentag. Der Qualm in der Luft verhinderte klare Sicht, hüllte die Welt in grauen Dunst, ermöglichte es dem einsamen Besucher in ihren Schatten zu verschwinden.
Er hielt sich nicht oft für längere Zeit in ein und derselben Gegend auf, war zu lange gefangen gewesen, gezwungen an einem Ort, den er verabscheut hatte, auszuharren, nichts mehr vermochte ihn zu binden, nichts konnte ihm einen Grund geben zu verweilen. Und dann war da noch die Angst, die niemals vollkommen verschwinden würde, die Sorge, dass es wieder losgehen könnte, dass sich doch jemand an ihn erinnerte.
Wer oder warum, diese Frage hatte mittlerweile ihre Bedeutung verloren, es würde immer etwas in der Dunkelheit auf ihn lauern, das Unheil würde nicht aufhören ihn zu verfolgen, der Schrecken kein Ende haben bis ... ja, bis ein gnädiges Schicksal ihn erlösen, ihm den Frieden schenken würde, den er ersehnte.
Obwohl es nichts mehr gab, das er zu fürchten hatte, nichts, das ihm noch genommen werden, das ihn oder die Ruinen seiner Selbst erschüttern konnte, blieb der bittere Geschmack in seinem Mund, das Wissen, dass er den Weg weitergehen musste, so sehr er sich auch dagegen sträuben mochte. Was es war, das ihn verstockt, beinahe störrisch, an seinem Leben festhalten ließ, das es ihm verbot, ihm stets - auch in seinen schwersten Stunden - verboten hatte, aufzugeben, ihm unermüdlich befahl zu kämpfen, ihn mit starker Hand daran hinderte der Trägheit nachzugeben, die ihn verlockte, die ihm zurief - ob laut - oder leise -, dass es an der Zeit wäre, die Schlacht zu beenden, das Duell mit der dunklen Macht, die ihn in ihren Klauen hielt, solange er denken konnte, unwiderruflich zu verlassen, - er wusste es nicht, hatte es nie verstanden.
Er wusste nur noch das Eine, dass er den Kampf nicht mehr wollte, dass es keinen Sinn mehr ergab zu wünschen, zu hoffen... keinen Sinn mehr für ihn.

Er schloss die Augen und öffnete sie gleich darauf wieder, obwohl der Rauch sie tränen ließ. Oder es waren die Bilder seiner Tochter, die Bilder der wenigen Menschen, die ihm noch geblieben waren, die er noch nicht auf seinem Gewissen hatte, die ihm den Schmerz bewusst machten, der niemals zu enden schien.
Er wollte nicht mehr, konnte nicht mehr zurück, es gab nichts mehr, nichts mehr für ihn, nichts mehr, das er riskieren würde, in Gefahr zu bringen.
Die klare Flüssigkeit aus seinem Glas brannte in seiner Kehle, doch die Trauer konnte sie ihm nicht nehmen, seine Hoffnungslosigkeit hatte jene Grenze erreicht, die in baldige Verzweiflung übergehen würde, die sich nicht mehr betäuben lassen würde, nicht mehr auf eine Art, die ihm erlaubt war.
Er starrte auf die zerdrückte Packung Zigaretten, die vor ihm, auf dem rohen Holztisch lag, auf das Etikett der Flasche, die er bereits halb geleert hatte, und deren Inhalt keine Wirkung mehr auf ihn zu haben schien.
Zumindest nicht die Wirkung, die er sich erhoffte, die er mit jeder Faser seines Körpers ersehnte, und die ihm dennoch versagt blieb.
Er hatte sich daran gewöhnt. Seit seinem Entzug war das Verlangen nach der Droge sein ständiger Begleiter geworden, einer der Dämonen, die ihn jagten, eine der Herausforderungen, denen er begegnen musste, jeden Tag aufs Neue. Es war ein Feind, den er kannte, den er akzeptierte, als das, was er war - eine Notwendigkeit, ein Preis, den er bewusst bereit gewesen war zu bezahlen, ohne die Entscheidung auch nur eine Sekunde lang bereut zu haben.
Es war notwendig gewesen sich seiner Schwäche hinzugeben, unvermeidlich, um sein Ziel zu erreichen, das Vertrauen zu erringen, das er benötigt hatte.
Aber er hatte nicht mit der Wucht der Empfindungen gerechnet, die ihn durchströmten, als er zum ersten Mal die Nadel in seinen Arm senkte. Als er zum ersten Mal diese Reise antrat, zum ersten Mal spürte, wie es sein konnte, alles um sich herum zu vergessen, nicht mehr vorhanden zu sein, nicht mehr er selbst, nicht mehr der Jack, den er hasste, der Jack, der er nicht mehr sein wollte. Er war in diesem Moment eins mit der Welt geworden, im Einklang, geborgen in dem unbeschreiblichen Frieden, den er von diesem Augenblick an nicht aufhören konnte zu ersehnen, nicht in Mexico, nicht danach, nicht in Gefangenschaft und nicht in Freiheit.
Und er war es müde dieses Verlangen zu verleugnen, müde Tag für Tag, Nacht für Nacht die Kraft zu sammeln, den Schrei seines Körpers nach Entspannung, den seiner Seele nach Erlösung
wieder und wieder zu überhören, sich taub zu stellen, ebenso wie er sich taub gegenüber seinen anderen Bedürfnissen zu stellen gewohnt war.

Er hob sein Glas, betrachtete den silbernen Spiegel, der das schummrige Licht des Raumes fing , und stürzte den Inhalt entschlossen die Kehle hinunter.
Das Feuer, das er in seinem Magen entfachen, das ihm wenigsten die Illusion von etwas Wärme schenken sollte, war erloschen noch ehe es seine Lippen erreichen konnte, war außerstande die Kälte zu verhindern, die in ihm emporkroch.
Jack fröstelte.
Er zog die ausgeleierte Lederjacke vorne zusammen und beugte sich nach vorne, als wollte er auf diese Weise versuchen, zumindest seine Körpertemperatur zu bewahren.
Normalerweise war er nicht empfindlich, doch der Tatsache, dass er sich nicht mehr im Süden der USA befand, musste letztendlich Rechnung getragen werden.
Wieder erschauerte er leicht, trotz oder gerade wegen des Alkohols, den er konsumiert hatte. Die Luft war dick, beinahe unerträglich in ihrer Schwere, und Jack fiel es mit einem Mal schwer Atem zu holen.
Er musste hier heraus, konnte diesen Raum nicht mehr ertragen, konnte nicht bleiben.
Es war Zeit zu gehen, Zeit seinen Entschluss in die Tat umzusetzen, Zeit zu kapitulieren.
Seine Hand umklammerte die Ecke des Tisches, bis die Knöchel unter den schrecklichen Narben weiß hervortraten. Der Anblick lähmte ihn zusätzlich, machte den Versuch aufzustehen zunichte.
Hilflos blickte er auf, ohne etwas zu sehen. Die wabernden Rauchschwaden vernebelten seinen Blick, der Boden wankte unter ihm. Noch fester klammerte er sich an das grobe Möbelstück, biss die Zähne zusammen bis sie schmerzten.
Er konzentrierte seine Gedanken auf das, was er zu tun beabsichtigte, schloss die Welt davon aus. Übrig blieb nur die schmale Tasche, die in der Innenseite seiner Jacke verborgen war, das schwarze Päckchen, das er mit sich trug, das er bei sich hatte in dem Wissen, dass er es eines Tages brauchen würde.
Und dieser Tag war gekommen. Seine Nerven spannten sich in Erwartung, sein Atem ging stoßweise, als er das zur greifbaren, fassbaren Form gewordene Geheimnis sich an seinen Körper schmiegen spürte, fühlte wie es sich in sein Fleisch brannte.
Es war falsch ihm nachzugeben, er wusste es, es war ihm nicht erlaubt.
Doch gab es nichts, das ihn jetzt noch davon abhalten, dass imstande wäre ihn daran zu hindern zu tun, was er tun wollte. Er konnte das Gift erahnen, es schmecken, es durch seine Venen rasen fühlen, spüren wie es ihn befreite, wie es ihm schenkte, was er sich ersehnte.
Es war Zeit zu gehen.
Jack löste den Blick und sah hoch.
Schwarz glänzende Augen hypnotisierten ihn, bannten seine Bewegungen, lähmten seine Muskeln.
Nur einen Augenblick, nur für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke durch den Raum, lösten sich gleichzeitig voneinander, nur um wieder zu ihrem Ziel zurückzukehren.
Jack spürte einen Stich, einen Schmerz, den er nicht einordnen konnte, den er nicht einordnen wollte.
Mit einem leisen Stöhnen wandte er sich ab, verbannte den Eindruck aus seinem Geist, stützte sich schwer auf die Tischplatte, bevor es ihm gelang sich nach oben zu ziehen. Unsichere Finger suchten einen verknüllten Geldschein hervor, warfen ihn achtlos auf den Tisch.
Es war an der Zeit aufzugeben, den Kampf zu beenden, der Droge den Sieg zu überlassen.



* * * * *



Müde taumelte er vorwärts, fand seinen Weg beinahe, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Ebensowenig bemerkte er den Schatten, der ihm folgte, die lange Gestalt, die sich geschmeidig von ihrem Platz erhoben hatte, noch ehe die Tür hinter ihm zugefallen war.

Hank hatte sich nicht gefragt, welche Mächte ihn mit unsichtbarer Hand dazu gebracht hatten, sich an diesem Abend in eine für ihn ungewohnte Umgebung zu verirren. Er vertraute den Geistern, die ihn führten, hatte vor langer Zeit schon aufgegeben ihre Motivation ergründen zu wollen oder in Zweifel zu ziehen. Auf sie hörte er, ihren Stimmen folgte er bereits sein Leben lang, und obwohl es schwer gewesen war, manchmal zu schwer für einen einzelnen Mann, sie hatten ihn doch niemals allein gelassen, ihn niemals hilflos in einer Welt zurückgelassen, in der die meisten Menschen orientierungslos auf der Suche nach etwas waren, das unerreichbar direkt vor ihnen lag.
Er wusste es, in dem Moment, in dem er ihn gesehen hatte, wusste, dass sein Leben eine neue Richtung, sein Schicksal eine neue Aufgabe für ihn bereit hielt.
Im Grunde hatte er es schon lange gewusst, gespürt, seit Jahren gefühlt, dass etwas auf ihn wartete, dass es einen Grund für ihn geben musste, weiterzumachen, dass seine Bestimmung noch nicht erfüllt, sein Dasein mit Busters Tod nicht sinnlos geworden war.
Es war der Schmerz des Verlustes gewesen, der ihn blind gemacht, die grenzenlose Trauer, die es ihm unmöglich gemacht hatte, nach vorne zu sehen, die ihn bereits zum zweiten Mal den Weg, den seine Ahnen für ihn ausgesucht hatten, hatte verlassen lassen.
Wie hätte er seinem Volk auch weiter helfen könne, wenn in ihm alles leer und tot war, wenn er zusammen mit Buster in die andere Welt hätte übergehen sollen, wenn es ihnen bestimmt gewesen wäre, gemeinsam dem Geisterpferd gegenüberzutreten, das erschienen war, sie abzuholen, und doch ihn alleine zurückgelassen hatte.
Er hatte es verflucht, hatte ihn verflucht für das, was er ihm angetan hatte, hatte sein Schicksal verflucht dafür, dass es ihn nicht hatte mit ihm gehen lassen.
Und danach war er wieder geflohen. Zum zweiten Mal hatte er das Reservat verlassen. Doch dieses Mal war er eher zurückgekehrt, dieses Mal hatte er die Rufe vernommen, hatte gewusst, dass er gebraucht wurde, dass sein Volk nicht ohne Schamane sein konnte, sein durfte, dass seine Pflicht ihn dort festhielt.
Und dann waren die Visionen gekommen, hatten ihn heimgesucht. Zunächst nur während der Zeremonien, wenn er auf der Suche nach ihnen gewesen war, und schließlich ungerufen, unvermittelt, in beängstigender Intensität.
Zuerst hatte er geglaubt Buster zu sehen, geglaubt, dass sein Schmerz sich Wege suchte ihn zu verwirren.
Doch dann, irgendwann war es ihm klar geworden, dass es nicht Buster war, nicht Buster sein konnte, dessen Eindrücke er empfing, dessen Leben, dessen Leid er in Augenblicken wahrnehmen konnte.
Die Verluste, die er sehen konnte waren groß, vernichtend, zerstörerisch wie diejenigen, die Hank selbst erlitten hatte.
Und doch hatte dieser Mann keinen Einblick in die Geisterwelt, kein Gefühl für die verborgenen Bewegungen, die sich um ihn herum abspielten.
Er war ein Krieger, soviel hatte Hank erkennen können, ein Kämpfer ohne Furcht, jemand der sich nicht schonte, der alles gab, und der einen hohen Preis bezahlte, einen Preis, der nun zu hoch für ihn geworden war.
Dass er ihm an diesem Tag begegnen würde, dass er ihm überhaupt einmal begegnen würde, hatte ihn überrascht, hatte ihn verunsichert.
Für gewöhnlich, wenn er dem stummen Ruf folgte, galt es einem Stammesbruder aus Schwierigkeiten herauszuhelfen, besser noch, dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst zu solchen käme. Er hatte nicht erwartet ihn zu sehen, noch nicht einmal, als sein Blick über die leeren Plätze gewandert und an der vornübergebeugten Gestalt hängen geblieben war, die sich an ihrem Glas festgehalten hatte, das Gesicht verborgen, die blonden Haare stumpf und trocken im Dämmerlicht.
Erst als er auf ein unausgesprochenes Kommando hin, den Kopf gehoben und mit verlorenen Augen, ohne es selbst zu bemerken, die Seinen gefangen hatte, erst dann hatte er ihn erkannt, hatte in ihm seine ‘Vergangenheit und seine Zukunft gesehen.

* * * * *




Er zögerte, wartete, wusste, dass er dabei war sich einer Gefahr, einem Risiko entgegenzustellen, dem er nicht bereit und schon gar nicht willens war, sich auszusetzen, dass er nichts würde gewinnen können, dass dieser Mann nicht in der Lage wäre, ihm etwas von dem zurückzugeben, das er ihm nehmen würde.
Sein Stolz und sein Selbsterhaltungstrieb ließen es zu, dass der Augenblick verstrich, dass sie sich trennten ohne ein Erkennen, ohne einen Moment innezuhalten, ließen zu, dass der andere sich nach sekundenlangem Erschauern, während dessen eine undefinierbare Ahnung den Raum erfüllte, wieder in sich zurückzog, sich abwandte und ihn verließ.
Nur dass er es diesmal nicht zulassen würde. Dieses Mal würde er ihm folgen.
Hank schloss die Augen und drängte die Furcht, die ihn ergreifen wollte zurück.
Ein Band, und wenn es auch noch so zerbrechlich schien, war geknüpft worden und jeder Versuch sich loszureißen, würde zum Scheitern verurteilt sein.
Die Nacht war dunkler als gewöhnlich, die Wolken hingen grau und tief, hinderten das Licht der Sterne daran den Boden zu erreichen, den tröstenden Schein der schmalen Sichel seine Schritte zu erhellen.
Trotzdem kannte Hank die Richtung, wusste sie mit untrüglicher Sicherheit, ebenso wie er es gewusst hatte, wohin ihn sein Weg an diesem Abend führen würde.
* * * * *

Jack stolperte, taumelte, fand Halt an der Außenwand eines Schuppens, den er in der Finsternis kaum als Solchen wahrnehmen konnte.
Er spürte das raue Holz, als er versuchte sich hochzuziehen, die Splitter, die in seine Handinnenflächen eindrangen, die Wunde an seiner Stirn, als der Versuch fehlschlug und er rutschte und fiel und sein Kopf in schmerzhaften Kontakt mit der Außenseite eines steinernen Auffangbeckens für Regenwasser geriet.
Nun bemühte er sich nicht mehr aufzustehen oder den Schwindel zu überwinden. Es wäre vergebens gewesen.
Dieser Ort... - er war entschlossen gewesen niemals wieder an diesen Ort zurückzukehren, sich niemals wieder in einer Lage wie dieser zu befinden - ...und doch hatte es ihn genau dorthin getrieben. .
Jack presste die Lippen aufeinander und unterdrückte einen Schmerzenslaut. Sein Kopf hämmerte und er fühlte das Blut in einem kleinen Rinnsal die Schläfe hinunterlaufen.
An diesem Ort war er gewesen, nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Staat, und doch dort, wo er sich nun befand - am Boden, sich windend vor Schmerzen, seine Gedanken, seinen Willen, sein ganzes Sein erfüllt nur von dem einen brennenden Verlangen, von dem einen Wunsch, um den alles kreiste. Zu vergessen!
Zitternde Finger tasteten nach den Utensilien, die ihm Erlösung bringen sollten. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fanden sie ihren Weg in der Dunkelheit, vollführten Bewegungen mechanisch, geübt, tausendmal vorher geprobt, Tausende von Malen in Gedanken verrichtet.

Es war zu spät, er war wieder dort gefangen, wo er sich vor Jahren schon verloren hatte. Dieser Platz, der ihm Frieden schenkte und ihm dafür alles andere nahm. Der ihn mit nichts zurückließ, als Scham, Verzweiflung, Verachtung seiner Selbst. Dieser Ort in sich selbst, der ihn dazu brachte sich zu hassen, in jenen Zeiten, wenn er sich zurückzog mit einer höflichen Entschuldigung auf den Lippen, um in der Abgeschiedenheit, die er finden konnte, das zu tun, was nötig war, um das Flattern seiner Hände, um die Sehnsucht in seinen Adern zu beruhigen,
der Ort an dem er war, wenn er Auge in Auge mit Ramon das Heroin in seinen Körper pumpte, wenn er jeden Stolz, jede Selbstachtung verloren hatte, sobald der Wunsch nach der Droge begann ihn zu schütteln,
wenn er, den ganzen Körper in Flammen stehend, mit seiner letzten Kraft vorwärts kroch, eine schmutzige Ecke in einer verborgenen Gasse findend, die ihm den nötigen Schutz bot, um sich den einen, den ersehnten Schuss zu setzen.
Er war dort angekommen, wurde erneut mit offenen Armen empfangen.
Sein Herz begann wieder zu schlagen, die tödliche Lähmung, die ihm in China zur Rettung und nun zur Qual geworden war, wich der Spannung, der Erwartung des Unvermeidlichen, der Verlockung des Erwachens.
Er lebte, sein Körper glühte, sein Blut pulsierte, als er blind seine Vene ertastete, als die kalte Nadel endlich seine Haut durchbrach.
Und wenn es das letzte Mal sein sollte... er wäre glücklich darüber.
* * * * *

Auch wenn Hank seine Anwesenheit nicht gespürt hätte, wäre es nicht schwierig gewesen ihn zu finden. Die schäbigen Gassen ließen nicht viele Möglichkeiten, ein Versteck zu suchen. Und dass er ein Versteck suchte, fühlte Hank in aller Deutlichkeit.
Die Gebäude, oder das, was davon zu erkennen war, wirkten verlassen, verwahrlost. Keine Zeugnisse der Armut, wie er es aus dem Reservat kannte, sondern Beweise der Gedankenlosigkeit der Menschen, die einen Teil der Welt verstanden zu besiedeln, auszubeuten, und ihn dann zurückzulassen ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Verluste auszugleichen.
Der Grund war steinig, ungepflegt, die Stadt ein Schatten dessen, was sie vor vielleicht fünfzig Jahren noch gewesen war.
Hank bewegte sich lautlos vorwärts. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, durchdrangen die Nacht, suchten und fanden ihr Ziel.

Die Gestalt lehnte an der Wand eines Schuppens, die genügend Risse aufwies um ihre Stabilität in Frage zu stellen. Halb verborgen hinter einigen wahllos aufeinander gestapelten Brettern wäre sie nicht zu entdecken gewesen, hätte er nicht gewusst, wonach er zu suchen hatte.
Seine scharfen Augen erkannten das beinahe unmerkliche Heben und Senken der schmalen Brust, wanderten über die betäubten Glieder und das Gesicht, das mit sanft geschlossenen Lidern und leicht verzerrten Zügen eine schmerzhafte Entspannung ausdrückte, eine Freiheit, die keine war.
Die leere Spritze lag neben ihm, das gelockerte Gummiband war den Oberarm hinab gerutscht.
Hank fuhr sich mit der rechten Hand durch das dunkle Haar und seufzte, bückte sich schließlich um die Gegenstände in aller Vorsicht einzusammeln, die Beweise, wozu die Gier nach etwas, das sich nicht erreichen ließ, nicht auf diese Art, die Gier nach einer Erfüllung, die es so nicht geben konnte, einen Menschen trieb.
Beinahe mitleidig, fast behutsam fasste er den Anderen um den Oberkörper und hob ihn vom Boden hoch. Für einen Moment lang ließ er ihn in seinen Armen ruhen, spürte die lang vermisste Nähe eines Körpers an dem Seinen, die Wärme und den Atem eines anderen Menschen, eines Menschen, den eine Laune des Schicksals ihm so vertraut erschienen ließ, als hätte er mit ihm schon einmal sein Leben geteilt.
Er schluckte den Klumpen, der dabei war sich in seinem Hals zu bilden, herunter, packte Jack entschlossen an der Hüfte, und warf sich den kleineren Mann entschlossen über die Schulter.
Mit festen Schritten kehrte er dem Ort den Rücken, die Entscheidung war gefallen.

* * * * *

Jack erwachte in der Dunkelheit. Jedoch nicht in der Dunkelheit, in der er es gewohnt war, seine Besinnung nach unruhigen, quälenden Träumen wiederzuerlangen. Sie bedeckte, umspielte ihn mit samtenen Bewegungen, spendete Trost, schenkte ihm den Anflug der Illusion geborgen zu sein. Zum ersten Mal seit langem fuhr er nicht in Schweiß gebadet hoch, mühsam den Drang bekämpfend sich zusammenzurollen, in unerklärlicher Panik zu der nächstliegenden Wand auf der Suche nach Schutz zu hasten, zu versuchen, ohne zu wissen warum, sich in eine Sicherheit zu bringen, von der er doch wusste, dass es sie nicht geben konnte.
Die Stille um ihn herum atmete eine unerklärliche Ruhe, und hätte sein Herz nicht mit einem Mal so wild zu schlagen begonnen, sein Körper die ersten bekannten Anzeichen der Lebendigkeit aufgewiesen, er hätte vermutet diese Welt verlassen, es endlich hinter sich zu haben.
Die Luft war süß, schwer von Düften, die er nicht kannte, das Gefühl des Friedens neu und exotisch.
Doch sein Kopf begann zu schmerzen, seine Zunge erschien ihm dick und geschwollen und die Lähmung, die ihn erfasste, erfüllte ihn mit Schrecken.
Außerdem gab es keinen Zweifel daran, dass er nicht allein war. Er spürte die Anwesenheit eines Menschen in unmissverständlicher Deutlichkeit.
Verschwommene Erinnerungen holten ihn ein, steigerten seine Verwirrung.
Eine nächtliche Fahrt, eisiger Wind, der durch die Ritzen des klappernden Fahrzeuges fegte, der ihn erschauern ließ. Das Gefühl zu fliegen, über die Erde zu rasen und dann wieder durchgeschüttelt zu werden auf einer Reise ohne Ziel.
Er versuchte sich zu bewegen, doch sobald er Anstalten machte, seinen Kopf zu heben, überrollte ihn eine Welle der Übelkeit, Schwindel brachte ihn dazu mit einem Stöhnen zurückzusinken auf den weichen Grund. Seine Glieder waren schwer, die Fingerspitzen taub, und doch war es ihm als würde er auf der Erde liegen, als fühlte er sanftes Gras ein Bett für seinen Körper formen.
Erinnerungen stiegen in ihm auf, Momente, die für sich standen, fremdartig anmuteten, als würden sie aus einer anderen Welt zu ihm transportiert.
Träume, die ihn davongetragen, die Wirklichkeit in eine unbekannte Dimension verwandelt hatten.
Leise Gesänge aus der Ferne, der dumpfe Rhythmus von Trommeln, die ihn hypnotisiert, eingeschläfert, beruhigt hatten, sobald die Schrecken ihre klammen Finger nach ihm ausgestreckt, der Schmerz ihn hatte um sich schlagen lassen.
Rauch, der aufstieg, Gestalten annahm, betäubte und faszinierte, kühle Hände, die über seine geschundene Haut strichen, sie sanft massierten, mit dunklen Ölen salbten.
Und inmitten der Augenblicke des Erwachens immer wieder die dunkle Stimme, eine fremde Sprache, die auf wundersame Weise die Dämonen vertrieb, die ihn umgaben.
Erinnerungen an das Zurücksinken in einen Schlaf, so tief, so wundervoll, dass er sich wünschte, nie wieder aus seiner Dunkelheit heraustreten zu müssen, wechselten sich ab mit denen an starke Arme, die ihn stützten, ihn weit genug aufrichteten, um ihm einen Schluck eines bitteren Getränkes einzuflößen, seine trockenen Lippen zu befeuchten.
Und dann das Gefühl des Fallens, des Aufgefangen und Gehalten Werdens, fremdartiger, ungewohnter, als alles andere, das er je erfahren hatte.
Doch das war auch der Augenblick, in dem er bemerkte, dass er nackt war, hilflos gefangen im Unbekannten.
Er fuhr hoch obwohl alles in ihm dagegen rebellierte, stützte sich schwer auf Arme, die unter ihm hinwegknicken wollten und focht mit der Kraft, die ihm noch geblieben war, gegen den Drang, sich in sein Schicksal zu ergeben, beinahe erstaunt über das Aufbäumen eines Willens, den er bereits für erstorben gehalten hatte.
Ein wimmernder Laut entfuhr ihm, als das Blut, angetrieben von seiner Furcht, begann, schneller zu zirkulieren, als das Pochen und der Schwindel in seinen Schläfen beinahe unerträglich wurden.
Die Anwesenheit, die er bereits gespürt hatte, nahm Gestalt an, die Schatten, die ihn umgaben , lösten sich auf und es gelang ihm, Konturen seiner Umgebung wahrzunehmen.
Ein noch schwach glimmendes Feuer verhinderte seine Blindheit, ließ ihn den, mit geradem Rücken davor sitzenden, schlanken Mann erkennen.
Jack wusste, dass der Mann ihn anstarrte, ihn in seinem Blick hielt, obwohl er keine Gesichtszüge ausmachen konnte. Er bewegte sich nicht, wie eine Statue verharrte er reglos, bis der regelmäßige Ton der Trommel in Jacks Bewusstsein eindrang.
Er konnte nicht sagen, ob der eintönige Rhythmus bereits vorhanden gewesen war, bevor er ihn bemerkt hatte, oder ob seine Bewegungen ihn ausgelöst hatten.
Doch der Laut alleine drang mit Macht durch seinen Körper, ließ ihn vibrieren, verjagte den plötzlichen Schrecken mit seinem Hall. Jack spürte, wie sich sein Herzschlag dem Rhythmus anpasste, wie die hypnotische Wirkung einsetzte.
Langsam gaben seine Arme nach, und er sank wieder zurück auf den Grund, der ihn sanft empfing und forttrug in erneute Bewusstlosigkeit.
* * * * *

Wie viel Zeit vergangen war, konnte Jack nicht sagen, doch sein nächstes Erwachen verlief anders.
Er blinzelte ein paar Mal in die Leere, bevor sein verschwommener Blick aufklarte.
Und nicht nur das, auch die Stille wich den Geräuschen des Tages.
Jack setzte sich vorsichtig auf und blickte sich um.
Er befand sich allein in einem Raum, dessen Ausstattung ungewohnt erschien, jedoch nicht unangenehm oder bedrückend.
Spärlich, spartanisch, einer längst vergangenen Zeit entsprungen und gleichzeitig verwirrend in ihrer Mischung aus Einfachheit und unpassend modernen Utensilien.
Grobe Blockhauswände umrahmten wenige Möbelstücke, die auf natürlichem Grund standen.
Eine erkaltete Feuerstelle befand sich nicht weit von einem kleinen Regal, in dem sorgsam mehrere Bücher, offensichtlich ausnahmslos Taschenbücher, angeordnet waren. Ein niedriger Tisch trug tönerne Schalen und Töpfe, neben Dosenmahlzeiten und einem verstaubten und ausgesprochen veralteten Funkgerät.
Tierfelle hingen vereinzelt an den Wänden, schützten den Raum vor Wind und Wetter, dazwischen unregelmäßig verteilt, getrocknete Kräuter und Wurzeln.
Jack war versucht sich zu zwicken, so unwirklich erschien ihm die Szenerie.
Was um alles in der Welt hätte er hier verloren?
Er wandte sich um, nicht ohne die abrupte Bewegung zu bereuen, die einen Schauer seine Wirbelsäule hinab laufen ließ, doch das Ergebnis blieb unverändert.
Er war alleine, und offensichtlich war es Tag geworden.
Licht drang durch Ritzen und Ecken, schuf eine dämmrig wundersame Atmosphäre.
Vogelgezwitscher rundete den Eindruck auf beinahe lächerliche Weise ab.
Jack, nicht willens abzuwarten und die Dinge auf sich zukommen zu sehen, rappelte sich auf, erstaunt darüber wie leicht er sich auf einmal fühlte. Schmerz und Unwohlsein verflüchtigten sich mit den Bewegungen und er schwankte nur noch leicht, sobald er eine aufrechte Haltung eingenommen hatte. Die erhaltene Perspektive erlaubte ihm einen besseren Überblick, erst jetzt bemerkte er den kalten Rauch, geschwängert mit dem Duft verbrannter Gräser, der in den Ecken haften geblieben war.
Mühsam stolperte er in Richtung des Ausganges, schob das Fell, mit dem dieser verhängt war, beiseite und schlüpfte hinaus ins Freie.
Das plötzliche Sonnenlicht durchstach seine Augen, seine Hände fuhren empor, um sie vor den beißenden Blitzen zu schützen.
Ein Hauch frischen Windes ließ ihn frösteln, und erinnerte ihn an seinen unbekleideten Zustand.
Jacks nackte Füße sanken in weiches Gras, als er einen Schritt vorwärts in die Helligkeit trat, blinzelte und sich zwang die Lider einen Spalt zu öffnen.
Die Sonne stand tief, es schien auf den Abend zuzugehen, doch sie leuchtete in einer Intensität, die ihresgleichen suchte. Kräftige Farben kündeten vom nahenden Herbst, bereicherten die Erde mit reichen, satten Tönen.
Die Hütte war eingebettet in einer leichten Senkung, umgeben von wildwachsender Wiese, die in den angrenzenden Wald überging. Insekten tanzten in der Luft, vollführten Sprünge und Flugkünste, als wollten sie Jack ihre Lebendigkeit vor Augen führen.
Er rieb seine Augen, obwohl sie sich langsam an das Licht gewöhnten, und sog tief den Atem ein, spürte wie der Sauerstoff ihn belebte.
Beinahe wäre ihm ein Lächeln entschlüpft, das erste dieser Art seit langem, allerdings nur beinahe.
“Verdammt.” Der Laut erklang ungewohnt in dieser Umgebung, die offensichtlich nicht gewöhnt war menschliche Flüche zu empfangen. Dennoch wiederholte er das Wort und trat einen weiteren Schritt nach vorne.
Es tat gut sich selbst sprechen zu hören, sich zu versichern, dass er sich seines Platzes in der Realität bewusst war, trotz allem, das passiert sein mochte.

Eine Gestalt trat unter den schattigen Baumriesen hervor, die Hände angefüllt mit merkwürdig geformten Steinen.
Auch er schien nackt zu sein, doch beim Näherkommen erkannte Jack die kurzen Hosen, die die langen Beine des Mannes zumindest teilweise bedeckten. Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit seine merkwürdige Begegnung genauer in Augenschein zu nehmen.
Der Mann zeigte keine Überraschung, auch sonst keinerlei Emotionen, als er ihn dort, vor der Hütte, stehen sah. Ein leichtes Anheben der Augenbrauen war das einzige, das Jack ausmachen konnte, seine Aufmerksamkeit schien auf alles andere, mit Ausnahme des ungefragten Besuchers gerichtet zu sein.
Jack verschränkte die Arme vor seinem Körper, bemühte sich seiner äußeren Erscheinung, und der Verlegenheit, die sie mit sich brachte, keinerlei Bedeutung zuzumessen, als er herausfordernd den Blick des Anderen suchte.
Er konnte nicht sagen woher, doch es war ihm klar, mehr als dass, er war sich sicher, dass sie die einzigen Menschen im Umkreis mehrere Meilen sein mussten. Doch das machte die Situation nur um so rätselhafter für ihn.
Der Dunkelhaarige wich seinem Blick aus, konzentriert auf seine Handlungen, die er mit beinahe unerträglicher Ruhe vollführte. Er arrangierte die Steine in einem Kreis in einigem Abstand von der Hütte, ohne sich von Jack stören zu lassen, ohne ihm auch nur den geringsten Teil seines Interesses zu bekunden.
Seine Bewegungen waren elegant, flüssig, er handelte geschickt, in einem lange geübten, tausendmal praktizierten Rhythmus.
Erst jetzt bemerkte Jack das glänzende, glatte Haar, länger als er es gewohnt war an einem Mann zu sehen, den bläulichen Schimmer, der es umgab, die bronzene Haut, die fein geschnittenen Gesichtszüge.
Unerwartet tauchte ein Bild vor ihm auf, das Bild eines Mannes, der einen Schmuck aus Knochen und Perlen auf seiner Brust trug, hoch auf einem Pferd sitzend, das wild davon galoppierte, die langen Haare ungebändigt um sein Gesicht flatternd.
Jack blinzelte, schüttelte seinen Kopf in Verwirrung. Das Bild war so real, dass er vermeinte Kriegsgeschrei und Trommeln in der Ferne zu hören. Er kniff die Augen zusammen, und taumelte erschrocken beiseite, als der Größere sich mit einem Mal erhob und auf ihn zukam, ihn jedoch geflissentlich ignorierte, beinahe zur Seite stieß, als er sich anschickte die Hütte zu betreten.
“Was ist hier eigentlich los”, stieß Jack atemlos hervor, während er dem anderen Mann hastig folgte. “Und wo, zum Teufel, sind meine Sachen... ich... .”
Er verstummte, als der Dunkelhaarige herumwirbelte, ihn zum ersten Mal wahrzunehmen schien. Zornig glitzernde Augen musterten ihn stumm, während er einen schmalen, langen Finger vor seinen Lippen platzierte.
Jacks Blick weitete sich in plötzlichem Erkennen. Diese Augen hatte er schon einmal gesehen, vielleicht schon öfter, dessen war er sich sicher.
In der Bar... natürlich, bevor er..., dort hatten sie ihn schon einmal bedrängt, ihn schon einmal irritiert auf dieselbe Art, auf die sie es jetzt wieder taten.
“Ich... ich...”, stotterte er, erntete jedoch sofort ein knappes, ärgerliches Kopfschütteln.
Sichtlich widerwillig antwortete der Andere ihm, seine Stimme rau und gleichzeitig sanft, als würde sie etwas zurückhalten, dessen sich der Sprecher selbst nicht vollständig bewusst war.
“Nicht sprechen”, waren die Worte, und nach einer Weile fügte er noch hinzu: “Es ist die Zeit zu schweigen”, als spürte er die Notwendigkeit einer weiteren Erklärung.
Ohne sich dessen bewusst zu sein, nickte Jack, gab Zeichen des Verstehens und der Zustimmung, obwohl er sich fragte, wohin das Ganze führen würde.
Sein Blick traf den des anderen, und ohne ein weiteres Wort wandte dieser sich um und zog einen ledernen Rucksack unter einem Haufen Decken hervor, aus dessen Tiefen er eine zerknüllte, graue Jogginghose zog und hinter sich warf.
Jack fing sie erstaunt, aber auch dankbar auf. Nicht nur, dass ihm seine Blöße unangenehm war, die Kälte begann auch unvermeidlich in ihm empor zu kriechen.
Aus den Augenwinkeln musterte er den Ort, der offensichtlich sein Schlaflager gewesen war, schüttelte den Kopf über das merkwürdig steinzeitliche Arrangement.
Er sollte sich umdrehen und gehen, was konnte es ihm bringen sich auf neue Rätsel einzulassen.
Am Ende würde doch alles wieder so sein wie zuvor, er wäre allein und ohne Hoffnung, sein Gewissen schwer von den Dingen, die er hätte tun sollen, die er hätte lassen müssen.
* * * * *




Flink schlüpfte Jack in die viel zu großen, viel zu weiten Beinkleider und zog den Bund enger zusammen.
Es war wirklich Zeit zu gehen, dieser Situation ein Ende zu bereiten, und zwar sobald als möglich.
Hank ging mit geschmeidigen Schritten zur Feuerstelle, dann in die Hocke, und begann, ohne sich noch einmal nach Jack umzusehen, ein weiteres Feuer zu entfachen.
Auch diese Nacht würde nicht leicht werden, soviel war ihm klar.
Die Hilfestellung, die er geben konnte, war sinnvoll und wichtig, doch die Hauptarbeit musste der Mann selbst verrichten.
Oft genug war er bei den Kämpfen gegen Drogen verschiedenster Art dabei gewesen, oft genug hatte seine Mühe auf lange Sicht nichts bewirken können.
Er seufzte. Morgen würde er zurückkehren müssen, daran gab es nichts zu rütteln. Bis dahin musste Jack in der Lage sein, seiner Realität wieder zu begegnen.
‘Jack Bauer’ Hank rollte mit den Augen.
Der Ausweis des Mannes hatte nicht viel verraten, außer, dass sein Besitzer alle Anstrengungen unternommen hatte, ihn zu zerstören.
Die Ränder wirkten angeschwärzt, ungleichmäßig, als hätte er sie ins Feuer gehalten und im letzten Moment wieder zurückgezogen, als hätte ihn doch im letzten Moment noch etwas davon abgehalten seine Existenz auszulöschen.
Es war nicht so, als wäre Hank überrascht gewesen. Das Leben musste Jack übel mitgespielt haben, das war unverkennbar. Die Verletzungen, die er, allein äußerlich, davongetragen hatte, waren anders als alle, die er bisher gesehen hatte, zeugten von einer Brutalität, die Ihresgleichen suchte.
Narben verschiedenster Größe, manche alt, manche neu, bedeckten weite Teile seines Körpers, malten Linien des Schreckens auf die blasse Haut.
Obwohl Hank vertraut war mit der Fähigkeit und dem Willen des Menschen die Auswüchse blinder Wut und hemmungsloser Gewalt zu ertragen, hatte ihn der Anblick des Körpers, der sich ihm beim Entkleiden langsam enthüllte, die Luft scharf einsaugen lassen.
Das waren die Spuren jahrelanger Folter, die vor nichts zurückgeschreckt hatte, um ihr Ziel zu erreichen, Zeugnisse lebenslanger Misshandlungen, unaussprechlichen Leides.
Überbleibsel von Verwundungen aus der Jugend wechselten sich mit mehr als zehn Jahre alten Wunden ab, wurden gekrönt von frischen Narben, nicht älter als Wochen.
Anscheinend kannte dieser Mann, über den Hank bis jetzt nicht mehr wusste, als seinen Namen kein anderes Leben als eines voller Gewalt, dessen Spuren seine Haut übersäten.
In seinem Rücken spürte Hank den Wunsch des Anderen, sich umzudrehen und die Hütte zu verlassen, ohne Richtung oder Ziel loszugehen, wie es seine Gewohnheit sein durfte. Ohne darauf einzugehen, fuhr er in seinen Bewegungen fort, bereitete die Nacht vor.
* * * * *

Jack zögerte. Er wusste nicht warum, konnte nicht erklären, noch nicht einmal vor sich selbst, was ihn festhielt. Die Frage seiner Sachen war ungelöst, ebenso wie die Frage nach den Intentionen des schweigsamen Mannes, der seine Anwesenheit entschieden ignorierte, als würde es keine Rolle spielen, wie Jacks zukünftige Entscheidungen ausfallen würden. Anscheinend stand es ihm frei zu gehen und zu kommen nach Belieben, solange er sich an Regeln hielt.
Davon abgesehen, dass Jack keine Ahnung davon hatte, um welche Regeln es sich handeln konnte, an welchem Ort er sich befand, konnte er sich eines merkwürdigen, schleichenden Gefühles nicht mehr erwehren, das unaufhaltsam in ihm hochkroch. Am ehesten vergleichbar eines Déjà-vu Erlebnisses aus längst vergangenen Tagen oder Zeiten, das ihn Schritt für Schritt einholte.
Die Handvoll Gräser oder Kräuter, die der Dunkelhaarige mit einigen gemurmelten Worten ins Feuer warf, und die nicht nur Rauch, sondern auch einen intensiven Geruch verbreiteten, die offenbar akribisch bemessenen und unzählige Male vollführten Bewegungen, ob es sich um das Zerkleinern von Wurzeln, oder das Aufsetzen von Wasser handelte, wirkten weniger geheimnisvoll auf ihn, als er hätte vermuten können.
Obwohl Jack sein Leben fern von dieser Welt verbracht hatte, kam es ihm beinahe vor, als habe er das alles schon einmal erlebt.
Irritiert wandte er sich ab, um eine bunt bestickte Decke zu studieren, die offenbar Szenen eines Kampfes zeigte. Gerade wollte er sich erstaunt zu dem unerwartet aufblitzenden Feuerzeug hinunter bücken, dessen Silber unerwartet aufblitzte, das auf merkwürdige Art in diese Einrichtung passte, und wurde einmal mehr aus seinen Gedanken gerissen, als der Andere urplötzlich vor ihm stand, und ihm eine Tasse mit dampfendem Inhalt entgegenhielt.
Jack zögerte wieder. Die schwarzen Augen trafen die Seinen und er schluckte nervös. Der Größere stand vor ihm, unbeweglich, ohne ihn zu etwas zu drängen, ihn zu beeinflussen.
Der Augenblick dehnte sich ins Endlose, bevor Jack, ohne zu wissen, warum er es tat, das Gefäß ergriff und an seine Lippen führte.
Er erinnerte sich an die Bitterkeit, an das betäubende Gefühl, das dem ersten Schluck folgte, die Ermüdung, die seine Glieder erfasste, sobald er das dunkle, heiße Getränk seine Kehle hinab strömen ließ.
Ob die Erinnerung ihn aus der vergangenen Nacht, oder aus einer Zeit, deren er sich nicht bewusst war, einholte, verlor ihre Bedeutung, als er der Erschöpfung nachgab, es zuließ, dass die Knie unter ihm weich wurden, und er vermutlich gestürzt wäre, hätte der Größere ihn nicht aufgefangen, und näher zum Feuer geschafft. Seine Sicht löste sich im Nebel auf, und sobald er spüren konnte, dass der Boden ihn sanft empfing, ihn sicher tragen würde, begrüßte er die Dunkelheit, die ihn umhüllte.
Hank seufzte zufrieden und dankte den Geistern, die ihn führten für die Leichtigkeit, mit der Jack auf den bitteren Tee, den er ihm einflößte, ansprach, und für die Bereitwilligkeit, mit der er das Spiel mitzuspielen schien. Obwohl geschwächt und erschöpft, war ihm dennoch bewusst, dass dieser Mann ein gefährlicher Gegner sein konnte, sollte er einen Grund für einen Kampf sehen. Seine Kräuter wirkten besser, als er sich vorzustellen vermocht hatte auf den ausgemergelten Körper, schickten ihm zumindest vorübergehend den heilsamen Schlaf, den er brauchte.
Hank warf noch eine Handvoll Gräser in das Feuer, setzte sich, und stimmte einen leisen Gesang an. Die Trommel schwieg noch. Sie würde er später brauchen, wenn Jacks Ruhe gestört, er, von Krämpfen geschüttelt, dem Entzug die Stirn würde bieten müssen.
Abwesend betrachtete er den schmalen Mann, dessen Gesicht nun beinahe entspannt wirkte, ausgenommen der Momente, in denen es verräterisch zuckte, als würden schmerzhafte Erinnerungen einen tiefen Traum stören.
Er sah nicht aus wie Buster, war unverkennbar älter, das Gesicht gezeichnet von Falten und Linien, auch wenn es im Schlaf fast einen jugendlichen, unschuldigen Eindruck machte. Das Haar war kürzer, die Färbung eine Andere.
Busters Haar war länger gewesen, feiner, in weichen Wellen hatte es seine Züge umspielt, die auch, nachdem sie bereits zehn Jahre zusammen gewesen waren, noch Spuren seines kindlichen Wesens aufwiesen.
Jack zeigte nichts davon, sein Gesicht bewies Härte, Kontrolle in jedem vorstellbaren Sinne, eine Fähigkeit, die Buster abgegangen war.
Busters Haar war hell gewesen, blond. Wie goldene Spinnennetze hatte es das Licht der Sonne gefangen und behalten, egal welche Dunkelheit ihr Leben auch eingeholt haben mochte.
Hank hatte es geliebt damit zu spielen, seine Finger durch die glänzenden Strähnen gleiten zu lassen, während er ihn geküsst hatte.
Und Buster war fasziniert von dem langen, dunklen Haar des Partners gewesen, hatte ihn ermutigt es wachsen zu lassen, darauf bestanden, die in Silber gefasste Adlerfeder, den Lohn für seinen Erfolg in der Wiederbeschaffung der heiligen Lanze, selbst und neidlos in der schwarzen Pracht zu befestigen, obwohl er ebenso Anteil an der Rettung des Heiligtums gehabt, ebenso viel dabei geopfert hatte.
Es hatte ihm nichts ausgemacht, zumindest hatte er es nicht gezeigt, dass er für im Leben der Lakota immer nur die zweite Geige neben Hank gespielt hatte, dass er, trotz seiner Tätigkeit als Reservat-Cop und den Kämpfen, die er Tag für Tag für das Volk seines Freundes, gegen seinen eigenen Berufstand ausübte, nicht auf die Art angesehen war, die ihm zugestanden hätte.
Hank hatte vermutet, dass der Grund dafür in seiner Vergangenheit lag, dass sein Leben als Cop, dessen Vater als Verräter verschrien, dessen Mentor mit Verbrechern gemeinsame Sache gemacht, und der als homosexuell geoutet worden war, ihm eine gewisse Technik in der Begegnung mit menschlichen Vorurteilen zu eigen gemacht hatte.
Und auch wenn er keiner der Iihren hatte werden können, so hatten sie ihn dennoch akzeptiert, war er zu einem Mitglied ihrer Gemeinschaft, mit offenen Armen in ihre Familie aufgenommen worden, sein Verhältnis mit Hank in der Kultur der Lakota keine Schande, sondern eine Ehre und ein Zeichen der Stärke gewesen.

Hank schüttelte seinen Kopf um seine Gedanken von den Schatten der Vergangenheit zu befreien, konzentrierte sich wieder auf den seltsamen Gast, den er aufgenommen hatte, den ein unvorhersehbares Schicksal ihn gezwungen hatte, aufzunehmen.
Sein Haar besaß nichts von Busters Zauber, es war kurz und farblos. Im Licht des Feuers entwickelte es einen rötlichen Schimmer, doch war es durchzogen von grauen Fäden, stumpf und dünn, Beweis einer Existenz, die lange unter Mangel gelitten hatte.
Die Wimpern waren auffallend lang, dennoch beinahe unsichtbar aufgrund ihrer Helligkeit.
Hanks Blick wanderte hinunter und blieb and der Hand hängen, die lose an seiner Seite lag und deren Verunstaltung ihm bereits vorher aufgefallen war. In ihrer Funktion schien sie nicht beeinträchtigt, doch die Schäden an ihrer Haut ließen sie verkrüppelt wirken, und Hank war es nicht entgangen, dass Jack, ob bewusst oder unbewusst, diese Hand bemüht war, vor den Blicken anderer zu verbergen, sei es in dem Dämmerlicht einer Bar, oder allein mit einem Fremden am hellichten Tag.

Hank zuckte mit den Schultern. Es hatte keinen Sinn zu spekulieren. Er konnte nichts tun, als abwarten und auf den Willen der Geister Rücksicht nehmen, Ausschau zu halten, und versuchen ihren Weg weiterzugehen.
In Gedanken öffnete er eine Dose Suppe, schenkte sich etwas Wasser ein. Die Nacht konnte noch lang werden, und morgen würden sie bereits in aller Frühe aufbrechen.
* * * * *

Jack träumte. Er rannte ohne vorwärts zu kommen in einer endlosen Hölle. Er schrie vor Schrecken und Schmerz, als ihn die Kugeln trafen, sein Körper in einer Explosion zerfetzt wurde. Feuer zerfraß seine Glieder, langsam und unaufhaltsam, und seine Hände, mit denen er es löschen wollte, erschienen als taube Stümpfe, unfähig einer Handlung.
Und inmitten des Feuers die Gesichter. Lachende Gesichter der Menschen, die er geglaubt hatte , getötet zu haben, von denen er geglaubt hatte, dass sie es verdient hatten. Sie grinsten und kicherten, lachten ihn aus. Sie wussten es besser, hatten es immer besser als er gewusst. Dass seine Anstrengungen vergeblich waren, sein Glauben und seine Ziele auf Illusionen beruhte.
Er schrie vor Wut, und dann vor Angst, als sich andere Gesichter ihm zuwandten, Gesichter voller Leid und Pein, Gesichter, die ihm stumme Vorwürfe entgegen schleuderten. Teri, Michelle, Tony... . Er versuchte die Augen zu schließen, sich vor ihnen zu verstecken, doch sie streckten ihre glühenden Arme nach ihm aus, verbrannten sein Fleisch, rissen sein Innerstes heraus. Ein blutiger Schleier bedeckte seine Sicht und er würgte scheinbar ohne aufhören zu können, erbrach sich auch noch, als nichts mehr vorhanden war, dass sich hätte aus seinem gequälten Körper verabschieden können.
Endlich hörten die Krämpfe auf, und Jack spürte, dass er weinte, dass ihm unkontrolliert die Flüssigkeit aus den Augen quoll, dass sich etwas in ihm löste.
Kühle Hände strichen über seinen Rücken, seine Brust, verteilten lindernde Substanzen, die das Feuer zu löschen schienen, die seine Haut vor dem Verbrennen bewahrte.
Arme hielten ihn, wenn er sich in Schmerzen und Übelkeit krümmte, feuchte Umschläge bargen sein glühendes Gesicht, schenkten ihm Augenblicke der Ruhe.
Und immer war da diese dunkle Stimme, die sanfte Beschwörungen murmelte, in unverständlichen Worten einfache, eintönige Melodien sang, die ihn einlullten, ihn wieder und wieder in kurze Momente des Schlafes schaukelten, bevor ihn etwas Undefinierbares, Schmerzliches wieder bewog mit einem Gefühl des Entsetzens hochzufahren.
Er hielt sich an ihr fest wie an einem Anker, schöpfte aus ihrer Kraft, die ihm nicht erlaubte aufzugeben.
Die Trommeln klangen von ferne, ihr Rhythmus umfloss ihn, gab ihm die Ruhe, die Stabilität, die er sich ersehnte.
* * * * *

“Trink das.” Bronzefarbene, schlanke Finger reichten ihm das Getränk, noch ehe er seine Augen geöffnet hatte.
Das helle Licht des Morgens drang in die Hütte, vertrieb die Dämonen der Nacht.
Jack schnupperte an seiner Tasse. Es war nicht das bittere Gebräu, dass ihm wieder und wieder eingeflößt worden war, auch wenn es ähnlich ungewohnt duftete.
Er holte tief Luft und nahm einen großen Schluck. Sein Mund verzog sich automatisch mit dem herben Nachgeschmack, und doch setzte beinahe unmittelbar eine belebende Wirkung ein.
Verwundert, sich nach und nach seiner Lage bewusst werdend, begegnete er dem strengen, forschenden Blick des Anderen, konnte es nicht verhindern, dass seine Mundwinkel begannen zu zucken. Die Komik, die er seiner Situation abgewinnen konnte, verwirrte ihn zusätzlich, zwang ihn ihr Ausdruck zu verleihen.
“Wir sprechen jetzt?”, fragte er, seine Stimme in ihrem Krächzen kaum wiedererkennend. Er räusperte sich, und nahm entschlossen einen weiteren Schluck, bevor er die Tasse absetzte. Die weite Jogginghose, die er trug kam ihm unpassender vor, denn je zuvor, und er blickte wieder fragend auf den Anderen.
Dieser nickte, offenbar nicht gewillt mehr zu sagen, als unbedingt notwendig, und richtete sich aus seiner kauernden Lage auf.
Jack folgte seinem Beispiel, versuchte den Schwindel, der ihn erfasste, nicht sichtbar werden zu lassen, indem er sich nach unten bückte, und einen Moment so verharrte, vorgebend das Trinkgefäß ergreifen zu wollen.
Hanks Hände stützten ihn erneut, als er sich zum zweiten Mal erhob, und blitzartig kehrten Bilder der Nacht zurück, und der Hilfe, die diese Hände ihm gewährt hatten.
“Wer... “, stammelte er, mühsam sein Gleichgewicht wiedererlangend.
“Hank”, erwiderte die vertraute, dunkle Stimme. “Mach dir keine Sorgen, Jack. Die Geister sind auf deiner Seite.”
* * * * *

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